Strom vom Nachbarn

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat eine klare Vorstellung: „Wir wollen die Nummer 1 der Wasserstofftechnologie in der Welt werden“. In der ersten Runde der Ausschreibung des Ideenwettbewerbs „Reallabore der Energiewende“ des Bundeswirtschaftsministeriums war der quasi CO2-freie Energieträger das zentrale Thema.

„Bei einer Ausschreibung zu Reallaboren müssen wir natürlich dabei sein“ erklärt Rolf Hennig, Geschäftsstellenleiter der Energieavantgarde Anhalt, die bereits seit 2014 unter diesem Begriff arbeitet. „Da kannte in Berlin überhaupt noch niemand den Begriff“, so Hennig. „Für uns ist dabei besonders wichtig, dass wir Ansätze erproben können, die letztlich nicht nur institutionellen Investoren, sondern vor allem dem Bürger zugutekommen.“

Partner und Unterstützer waren schnell gefunden, um einen Vorschlag auf Quartiersebene für Bitterfeld-Wolfen einzureichen. Die Idee: durch die Umwandlung in Wasserstoff das Strom- und Gasnetz auf lokaler bis hin zur Haushalts-Ebene zu koppeln. Dadurch erhöhen sich Speichermöglichkeiten und Flexibilität beim Einsatz erneuerbarer Energien zur Deckung des Strom- und Wärmebedarfs.

Auch Bürger könnten sich beteiligen, indem sie die Stromerzeugung in die eigenen Hände nehmen. „Technologisch ist das Kraftwerk auf dem Balkon möglich, da kann man dann Strom vom Nachbarn beziehen“, erklärt Hennig und fährt fort „Wir wollen erproben, wie wir die verschiedenen Ebenen am besten in Einklang bringen und den größten Mehrwert im Sinne der regionalen Wertschöpfung erreichen“.

Dadurch setzt sich die Energieavantgarde Anhalt von jenen großtechnischen Strukturen ab, welche ähnliche Herausforderungen auf höheren Netzebenen zu lösen versuchen und in der Ausschreibung den Zuschlag bekamen.

„Da ist der Bürger dann raus“, erklärt Hennig, „bzw. darf im Zweifelsfall dann letztlich noch höhere Netzentgelte zahlen.“ Im dezentralen Projekt der Energieavantgarde dagegen steckten so viele Chancen von der Wertschöpfung bis zur Stärkung der Demokratie, dass sich die lokale und regionale Politik das eigentlich nicht entgehen lassen dürften. „Deswegen treten wir hochmotiviert in der nächsten Ausschreibung wieder an“.

Energieavantgarde in der MZ

„Auch nach dem Kohleausstieg noch Strom verbrauchen“

Diskussionen über die Energiewende im Allgemeinen und die Energiekonzepte des Landes im Besonderen werden in Sachsen-Anhalt meist sehr emotional geführt. Davon weiß Marion Schilling, Leiterin der Regionalen Planungsgemeinschaft Anhalt-Bitterfeld-Wittenberg, ein Lied zu singen. Zusammen mit gut dreißig anderen „nächsten Angehörigen“ der Energiewende, ist sie der Einladung der Energieavantgarde Anhalt ins Dessauer Umweltbundesamt gefolgt, um sich ein Bild vom interaktiven Energieatlas Anhalt zu machen.

„Wenn wir Gegensätze überwinden wollen, brauchen wir eine Versachlichung der Debatte,“ sagt Schilling. Denn nicht nur Bürger, Politiker und Investoren streiten über den richtigen Weg. Selbst im Ministerium für Umwelt, Landschaftsschutz und Energie wohnen die verschiedensten Herzen. „Da sind Naturschützer, Tierschützer, Landschaftsschützer, aber eben auch die, die sich um den Ausbau erneuerbarer Energien kümmern sollen. Je nach Interessenlage kommen da immer unterschiedliche Ergebnisse“. 

„Die Konkurrenz bei der Flächennutzung ist sehr hoch“

Genau hier setzt der interaktive Energieatlas[1]an. „Das Tool für die Region Anhalt-Bitterfeld-Wittenberg ermöglicht, Akteure in der Region an energiewirtschaftlichen Fragestellungen zu beteiligen“, erläutert Mascha Richter vom Reiner-Lemoine-Institut, welches den Energieatlas entwickelt hat. „Es geht darum, wie die die Region sich mit einem möglichst hohen Anteil an erneuerbaren Energien versorgen kann unter gleichzeitiger Berücksichtigung der Flächennutzung. Da gibt es eine große Konkurrenz der Nutzungskonzepte.“ 

Die finanziellen Mittel dafür stellte das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Kopernikus-Projekts ENavi[2], kurz für „Energiewende-Navigation“, bereit. Auch in den Ministerien wächst das Bewusstsein dafür, dass Transparenz und Beteiligung darüber entscheiden, ob die Energiewende überhaupt noch zum Erfolg gebracht werden kann.

Auf den „Navigationskarten“ verzeichnet ist zum einen der Ist-Zustand. Welche Erzeugungsanlagen welcher Art und Größe stehen schon heute an welchem Ort, wie gut passen Erzeugung und Verbrauch in der Region überein? Darüber hinaus ermöglicht der Atlas, verschiedene Szenarien zu erproben. Jeder kann seine eigenen Vorstellungen visualisieren, wie das Ziel eines 100% erneuerbaren Energiesystems erreicht werden kann. Wieviel Energie kann und muss eingespart werden? Können Biogasanlagen flexibler eingesetzt werden? Wieviel Flächen stehen für Solaranlagen zur Verfügung? Gibt es überhaupt noch Platz für Windparks, ohne Wohn- und Landschaftsschutzgebiete zu beeinträchtigen?

„Extrem hilfreich“

Marion Schilling sieht einen großen Nutzen darin, dass man nun genau darstellen kann, wieviel Energie man für die Region braucht und wie man sie decken könnte. „Irgendwie ist ja klar, dass wir auch nach dem Kohleausstieg noch Strom verbrauchen werden und auch Heizung haben wollen“, sagt sie. Dabei könne man ja erst einmal von der Selbstversorgung der Region ausgehen. Dann sei es natürlich noch einmal eine andere Entscheidung selbst auch Energie exportieren zu wollen.  „Wenn man jetzt das Energiekonzept des Landes mit diesem Instrument veranschaulichen kann, ist das extrem hilfreich. Wir sollten es daher ganz intensiv nutzen“, empfiehlt Schilling.  

Dass die BürgerInnen bei der Energiewende ein Wort mitzureden haben, sieht man vor allem beim Thema Windenergie. Eine repräsentative Forsa-Umfrage bestätigte zuletzt, dass 83 Prozent der Befragten die Nutzung und den Ausbau der Windenergie an Land im Rahmen der Energiewende als „wichtig“ oder „sehr wichtig“ erachten. Und dennoch gibt es bei konkreten Projekten immer wieder Streit.  

Verschiedene Optionen objektiv abschätzen

Nach der Erfahrung von Dr. Matthias Bruhn liegt es häufig daran, dass objektive Informationen fehlen. Der gelernte Ingenieur für Energietechnik hat selbst an der Projektierung vieler Energieanlagen mitgewirkt und ist nun als Mediator in der Energiebranche tätig. Auch er freut sich über das neue digitale Instrument. Der interaktive Energieatlas schaffe Transparenz. „Ich hoffe, dass man Argumente objektiver abwägen kann, wenn man die Möglichkeit hat, verschiedene Optionen für die Energieversorgung in der Region gegenüber zu stellen. Und dass man darüber auch ins Gespräch kommt.“ 

Bruhn ist sich zwar noch nicht sicher, ob er den Energieatlas in seiner eigenen Arbeit verwenden kann. Trotzdem findet er, dass sich der Besuch des Workshops für ihn schon gelohnt habe: „Ich habe sehr viel aus den Diskussionen mitgenommen. Und wenn wir hier in der Region eine Mediation zu machen haben, werden wir sicherlich damit arbeiten.“

Wie geht es weiter?

Momentan bezieht sich der interaktive Energieatlas primär auf Stromerzeugung und -verbrauch. Inspiriert von den Möglichkeiten, konnten sich viele Workshop-Teilnehmer noch weitergehende Funktionen vorstellen. Ganz oben auf der Wunschliste stehen die Berücksichtigung des Wärmesektors und des Verkehrssektors bzw. wie diese Sektoren interagieren. 

Gut vorstellen können sich das auch die zwei Projektpartner. “Wir freuen uns über die Rückmeldungen und das Interesse. Wir wollen gemeinsam mit Partnerorganisationen wie der Energieavantgarde Anhalt Wege finden, das Tool weiter zu entwickeln und um zusätzliche Funktionen zu erweitern“, erklärt Richter.  

Mediator Bruhn hat über die vielen Daten und Algorithmen hinaus noch einen weiteren Wunsch „Für meine Arbeit wäre es wichtig, das nicht nur elektronisch zu haben, sondern auch einen Ansprechpartner, der das Tool anwenden und in einer Versammlung Fragen beantworten kann.“

Kontakt Energieavantgarde: Rolf Hennig, hennig@energieavantgarde.de

Nützliche Links:


[1]Die offizielle Bezeichnung für das Tool im Rahmen des Kopernikus-Projekts ENavi lautet  Stakeholder Empowerment Tool (StEmp)

[2]https://www.kopernikus-projekte.de/projekte/systemintegration

„Was macht die Energiewende in meinem Vorgarten?“

Obwohl laut jüngsten Umfragen über 90 Prozent der Deutschen die Energiewende für nötig halten, stören sich die meisten von uns an Windkraftwerken und neuen Stromnetzen im Landschaftsbild. Viele finden die Energiewende sozial ungerecht.

Für Thies Schröder von der Energieavantgarde Anhalt ist klar, dass es den Kritikern darum geht, wie die Energiewende umgesetzt wird, nicht ob. Denn die generelle Notwendigkeit des Klimaschutzes wird, wie alle Umfragen bestätigen, von fast allen als notwendig angesehen. „Der Einsatz für eine bessere Verteilung von Nutzen und Lasten der Energiewende kommt manchen Bürgern vor wie der sprichwörtliche Kampf gegen Windmühlen. Viele können einfach nicht sehen, wie man überhaupt etwas mitgestalten kann.“

Mitwirken an konkreten Entscheidungen

Beispiel Windkraft: In Anhalt stehen besonders viele Windräder. Die gehören meist Investoren, während die Einwohner für den der Windkraft geschuldeten Netzausbau höhere Netzentgelte zahlen. „Wer sich dann gegen die Windmühle im eigenen Vorgarten wehrt, gilt dann schnell als Don Quixote, als Wutbürger. Darum wollen und müssen wir am einzelnen und konkreten Beispiel zeigen, welche Auswirkungen Projekte haben bzw. nicht haben, und wie Bürger auf unmittelbare Entscheidungen einwirken können.“

Dafür hat die Energieavantgarde zusammen mit dem Reiner Lemoine Institut aus Berlin einen interaktiven Energieatlas Anhalt entwickelt, welcher kommunalen Politikern, Projektierern, Planern und Bürgern hilft zu sehen, was ist und was sein könnte. „Es nützt ja nichts, sich immer wieder gegenseitig zu unterstellen, dass der andere keine Ahnung hat und nicht bis drei zählen kann,“ sagt Schröder. „Unsere digitalen Karten verdeutlichen auf Basis der aktuellen Zahlen, wie und wo die Energiewende in Anhalt fortgeschritten ist: Standorte der verschiedenen Erzeugungsanlagen, Größe der Areale, Erzeugung, Lastgang. Sie zeigen aber auch auf, welche Flächen aufgrund von Landschafts- oder Denkmalschutzvorgaben nicht zur Verfügung stehen.“ 

„Bin ich eigentlich dafür oder dagegen?“

„Wenn wir wirklich ernst machen wollen mit dem Klimaschutz, dann müssen wir komplett auf Erneuerbare umstellen,“ sagt Schröder. „Viele Menschen wissen nicht, was das bedeutet. Wo können überhaupt noch Windparks gebaut werden? Eignen sich die vorhandenen Anlagen für ein Repowering? Was passiert, wenn mehr Speicher zugebaut, striktere Energieeinsparungsvorgaben gemacht oder mehr Dachflächen für PV genutzt werden? „Verschiedene Szenarien zu Fragen der Energiespeicherung, Effizienz, Repowering usw. zu visualisieren, hilft dabei herauszufinden, ob man eigentlich für oder gegen etwas ist.“

Abwägen zwischen Klima-, Natur- und Landschaftsschutz

Gerade rund um Dessau mit dem UNESCO Weltkulturerbe ergeben sich ganz alltägliche Probleme bei der Genehmigung von Windenergieanlagen. Marion Schilling, Leiterin der regionalen Planungsgemeinschaft, kann ein Lied singen davon singen: „Wir müssen zwischen Klima- und Natur- und Landschaftsschutz abwägen und die Interessen aller Betroffenen berücksichtigen. Daher haben wir hohe Erwartungen an den Energieatlas, um vor der endgültigen Entscheidung so genau wie möglich darstellen zu können, was passieren kann.“

Nicht nur die Landschaft verspargeln

Schröder geht es auch darum, deutlich zu machen, wie ein regionales System, in dem die verschiedenen Sektoren wie Strom, Wärme und Mobilität enger miteinander verknüpft werden, zu Effizienzgewinnen führt und zur regionalen Wertschöpfung beiträgt. „Wir wollen ja nicht einfach die Landschaft weiter ‚verspargeln‘, wie manche vielleicht denken“.

Schröder weiter: „Ministerpräsident Reiner Haseloff hat vor kurzem zu Recht kritisiert, dass die Anhalter Bürger nicht einmal von dem Steueraufkommen profitieren, das durch institutionelle Anleger hier generiert wird. Und es gibt darüber hinaus zahlreiche andere Möglichkeiten, Bürger auch finanziell zu beteiligen, bzw. die Belastungen durch zu hohe Netzentgelte zu senken. Mit solchen Modellen befasst sich die Energieavantgarde“.  

Am 25. Juni möchte die Energieavantgarde im Umweltbundesamt am Wörlitzer Platz gemeinsam mit Planern, Politikern und Bürgern den interaktiven Energieatlas in der Region Anhalt anwenden und diskutieren. Los geht’s um 15 Uhr.

Wer das Werkzeug ausprobieren möchte, kann dies schon jetzt auf der Seite des Reiner Lemoine Instituts tun. Und wer Fragen zur Nutzung hat, bringt diese direkt zum Workshop mit.

Artikel in der Mitteldeutschen Zeitung vom 15./16. Juni 2019

„Vor zwei Jahren undenkbar”

Doch am 9. Mai in Potsdam ist, was laut EAA-Vorsitzenden Thies Schröder „vor zwei Jahren noch undenkbar war“, plötzlich ganz normal – die Energieavantgarde Anhalt präsentierte auf Einladung des Ministers für Wirtschaft und Energie des Landes Brandenburg ein völlig neues energiewirtschaftliches Modell: Den Regionalen Balancekreis.

„Die Netzbetreiber wissen, dass sie ein völlig anderes energiewirtschaftliches Regime brauchen, um die nächste Phase der Energiewende meistern zu können,“ sagt Thies Schröder. „Nur eine dezentrale und sektorgekoppelte Energieversorgung kann die Erneuerbaren in ausreichendem Maß ins Strommetz integrieren. Und diese Balance ist physikalisch bedingt nun einmal zuallererst eine regionale.“

Vor dem Fachforum  Energiewende im Potsdamer Ministerium präsentierte Schröder, unterstützt von Dr. René Mono vom Berliner Thinktank Dynamis, den Regionalen Balancekreis. Neben Schröder und Mono diskutierten u.a. Dr. Michael Koch vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft sowie Vertreter des Netzbetreibers mitnetz und Forscher der BTU Cottbus-Senftenberg.

Laut Schröder geraten Netzbetreiber zunehmend unter den Druck immer massiverer Regelungskonflikte, die aus der traditionellen Netzentgeltsystematik in Verbindung mit fehlender Sektorkopplung entstehen. Strom wird in Regionen mit bereits hohen Anteilen erneuerbarer Energien lieber abgeregelt anstatt vor Ort zur Deckung der sektorübergreifenden Energienachfrage genutzt zu werden. Höhere Kosten für Netzbetreiber und damit auch höhere Netzentgelte für die Kunden sind die Folge. „Das macht unseren Ansatz des regionalen Balancekreises für Energieversorger und Landespolitik heute interessant,“ sagt Schröder.

Energiewende für alle

„Energy in Demand“ ist eines der international führenden Online-Medien für nachhaltige Energie. Der Artikel, der auf ein längeres Interview mit dem Vorsitzenden der EAA Thies Schröder aufbaut, beschreibt die wachsende Schere der Energiewende, in der Nutzen und Lasten sind ungleich verteilt seien – zwischen reich und arm, West und Ost, alten und neuen Akteuren des Energiesystems. Ausführlich werden die Bemühungen der EAA gewürdigt, wie sie sich seit ihrer Gründung im Jahr 2015 dafür einsetzt, der Energiewende mittels regionaler Wertschöpfung ein sicheres Standbein zu geben.

Jeder Tag ist Freitag

Ebenso wie der Klimawandel sozial schwächere Menschen besonders hart trifft, werden auch Kosten und Nutzen der Klimapolitik ungerecht verteilt. So wie Klimaschutz bislang politisch aufgestellt ist, trifft er oft die Armen und Besitzlosen härter als die Reichen.

Die Energieavantgarde Anhalt hat 15 Tipps gegen den Klimawandel zusammengestellt, die jeder nutzen kann und die niemanden benachteiligen – auch wenn’s ein bisschen Mühe kosten kann. Gesund ist es allemal! Nicht nur an Freitagen.

15 Tipps für den persönlichen Klimaschutz – für jedermann/frau